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Die Quellen des Wachstums PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Ralf Pulz   
Freitag, 11.03.2005

Michael Treacy und Jim Sims
Harvard Business Manager März 2005: 74-83.

Welche Informationen verbergen sich eigentlich hinter dem Gesamtumsatz, und wie kann man diese zur effektiven Kontrolle und Steuerung des Unternehmens nutzen? Diesen Fragen gehen Bestsellerautor Michael Treacy (Treacy, M., Wiersema, F. 1995: The Discipline of Market Leaders) und Jim Sims, beide Mitgründer der Bostoner Innovationsberatung GEN3 Partners, in ihrem Artikel nach.

Kerngedanken:
Hinter einem insgesamt guten Umsatz können sich gefährliche Schwachstellen, aber auch ungenutzte Potenziale verbergen. Es ist deshalb wichtig zu wissen, wie sich das Umsatzwachstum im einzelnen zusammensetzt. Hierzu wird ein Modell vorgeschlagen, das zwischen fünf verschiedenen Umsatzquellen unterscheidet und diese in Form einer Gewinn- und Verlustrechnung miteinander verrechnet ( sources of revenue statement, SRS ). Aus den Ergebnissen lassen sich wichtige Rückschlüsse für die Unternehmenssteuerung ziehen.

Die SRS Analyse
Umsatzwachstum wird häufig nach Region, Geschäftsbereich, Produktlinie oder Produkt analysiert und damit der Organisation des Unternehmens zugeordnet. Die eigentlichen Ursachen für Umsatzveränderungen auf der Kundenebene bleiben dabei unklar. Das SRS Analyse setzt gezielt auf dieser Ebene an und betrachtet die folgenden Umsatzquellen:

1. Geschäft mit Stammkunden

Kerngeschäft

2. Geschäft mit neuen, vom Wettbewerb abgeworbenen Kunden

3. Umsatzzuwachs durch Marktwachstum

4. Umsätze in benachbarten Geschäftsfeldern

Neues Geschäft

5. Umsätze in völlig neuen Geschäftsfeldern

Im Vordergrund stehen also Umsatzfaktoren, die weniger die Organisation als vielmehr die Strategie des Unternehmens betreffen. Anhand einer Beispielrechnung wird das Prinzip der SRS Gewinn- und Verlustrechnung deutlich:


Umsatz 2001

Mio. Euro

Änderung in Prozent

Umsatz 2002

Mio. Euro

Anteil am Umsatz aus 2001 in Prozent

Gesamtumsatz

100

30

130

130

- Umsätze in benachbarten Geschäftsfeldern

  

20

20

- Umsätze in völlig neuen Geschäftsfeldern

  

0

0

Umsatz im Kerngeschäft

  

110

110

- Umsatz aus Marktwachstum

100

20

20

20

Nettoumsatz ohne Marktwachstum

  

90

90

- Umsatzeinbusse durch Kundenfluktuation

100

-15

15

 

Umsatz mit Stammkunden

  

85

85

Umsatz durch Marktanteilsgewinn
(Brutto-Marktanteilsgewinn)

  

5

5

Brutto-Marktanteilsgewinn minus Kundenfluktuation
(Netto-Marktanteilsgewinn)

  

-10

-10

Der Gesamtumsatz wächst in diesem Beispiel erfreulich um 30% auf 130 Mio. Euro. Nach Abzug der Umsätze aus neuen Geschäftstätigkeiten verbleibt ein Kerngeschäft von 110 Mio. Euro und damit ein Wachstum von 10% gegenüber Vorjahr. Von diesem wird das allgemeine Marktwachstum von 20% subtrahiert, so dass der Nettoumsatz ohne Marktwachstum mit 90 Mio. Euro bereits 10% unter Vorjahr liegt. Da das aktuelle Stammkundengeschäft aufgrund der Kundenfluktuation von 15% nur 85 Mio. Euro beträgt, bleibt lediglich ein Brutto-Marktanteilsgewinn von 5 Mio. Euro oder 5%. Der Netto-Marktanteilsgewinn ist aufgrund der hohen Kundenfluktuation negativ.

Die SRS Analyse hat damit bei einem oberflächlich guten Ergebnis beunruhigende Schwächen zutage gefördert, die zum raschen Handeln auffordern sollten:

  • Der grösste Teil des Umsatzwachstums geht auf den expandierenden Markt (20 Mio. Euro) sowie neue Geschäftstätigkeiten zurück (20 Mio. Euro). Diese Zahlen verschleiern die Probleme im Kerngeschäft:
  • Der Umsatzverlust durch Kundenfluktuation beträgt 15 Mio. Euro und weist auf offensichtliche Schwächen im Bereich von Angebot und Kundenbindung hin.
  • Das Unternehmen wächst in seinem Kerngeschäft deutlich langsamer als der Markt und verliert damit Marktanteile an die Konkurrenz.

Nutzen der SRS Analyse
Die SRS Analyse kann gleichzeitig als Diagnose- und Planungstool eingesetzt werden, sowohl auf der Ebene des Gesamtunternehmens, als auch auf der Ebene untergeordneter Organisationsformen (Geschäftsbereiche, Produktlinien u.s.w.). Sie ist unverzichtbar zur Aufdeckung von Schwächen oder eventuell noch unentdeckter Potenziale, die bei alleiniger Betrachtung der Performance des Gesamtunternehmens verborgen bleiben würden. Andererseits dient sie im Wachstumsmanagement als wichtiges Planungsinstrument, wenn zum Beispiel entschieden werden muss,

  • wie auf nachlassendes Marktwachstum reagiert werden soll,
  • wie viel in die Bindung vorhandener Kunden und wie viel in die Neukundenakquisition investiert werden soll,
  • in welchem Geschäftsfeld eine Akquisition erfolgen sollte.

Die SRS Analyse kann damit auch eine Basis für andere Managementtools bilden. Zu denken ist beispielsweise an Tools wie die Balanced Scorecard, die Mittelfristplanung, das jährliche Budget und den gesamten Controlling-Bereich. Allgemein wird die grössere Transparenz des Geschäftsverlaufes ganz sicher auch die Kommunikation und das Verständnis zwischen verschiedenen Organisationsebenen und –Einheiten verbessern.

Wie kommt man an die Daten?
Am schwierigsten bekommt man vermutlich zuverlässige Zahlen über das Marktwachstum und die Kundenfluktuation . Ersteres wird in vielen Branchen von Marktforschungsinstituten oder Industrieverbänden gemessen und veröffentlicht. Man sollte darauf achten, die Daten des jeweiligen Marktsegmentes bzw. der Marktsegmente zu verwenden, in denen man positioniert ist. Stehen diese nicht zur Verfügung, muss man sich mit Daten des Gesamtmarktes und Schätzungen für die jeweiligen Segmente begnügen. Wenn auch diese Daten nicht vorhanden sind, helfen nur gute Schätzungen, beispielsweise aufgrund des Wachstums der grössten Wettbewerber im Markt.

Kundenfluktuation bedeutet allgemein den Verlust von Kunden an die Konkurrenz. Je nach Geschäft ist die jeweils passende Messgrösse dafür festlegen. Die Kundenfluktuation wird selten für ganze Branchen ermittelt und muss in der Regel von den Unternehmen selbst gemessen werden. Je nachdem, ob der Kunde dem Lieferanten genau bekannt ist oder nicht, ist dies mit mehr oder weniger grossem Aufwand verbunden. Business-to-business (B2B) Situationen dürften hierbei noch am einfachsten zu meistern sein.

Fazit:
Die SRS Analyse macht die tatsächliche Leistung des Unternehmens im Markt transparent. Sie hilft bei der Steuerung, der strategischen Ausrichtung und der zielgerichteten Optimierung der Leistung. Der Aufwand für die Datenerhebung mag anfangs abschrecken – er zahlt sich aber langfristig mit Sicherheit aus.