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Alexander J. Wurzer, Lorenz Kaiser Harvard Business Manager März 2006: 23-35
Patente sollen das geistige Eigentum (Intellectual Property, IP) schützen, Markteintrittsbarrieren errichten und die technologische Leistungsfähigkeit demonstrieren. Darüber hinaus spielen sie eine immer aktivere Rolle in der Geschäftsstrategie innovativer Unternehmen: Richtig genutzt, können sie direkt zur Wertschöpfung beitragen und den Unternehmenswert erheblich steigern – ein wichtiger Faktor bei der kapitalmarktorientierten Bilanzierung nach IAS/IFRS oder beim Rating nach Basel II.
Die Autoren, Experten für IP-Management in leitender Funktion an der Steinbeis-Hochschule in Berlin und bei der Patev GmbH (A. Wurzer) sowie bei der Fraunhofer-Gesellschaft (L. Kaiser), geben in ihrem Beitrag Orientierungshilfen für das optimale Management von Patenten. Sie beziehen sich dabei auf eine Studie von 22 High-Tech Firmen unterschiedlicher Größe und Branchenzugehörigkeit. Kerngedanken: Vier Grundstrategien stehen für das betriebswirtschaftlich optimale Management des Patentportfolios zur Verfügung: (1) Aufbau zum Schutz der Marktposition (Schutz-Center), (2) Optimierung der Wirtschaftlichkeit (Cost Center), (3) Verwertung als eigenständige Erlösquelle (Profit Center) sowie (4) Integration von Patent- und Produktwertschöpfung zu neuen Geschäftsmodellen (Asset Center). Diese Strategien bauen aufeinander auf, müssen aber nicht notwendigerweise alle durchlaufen werden. Die Auswahl wird vor allem von Branche, Art des Patentportfolios und Dauer der Innovationszyklen beeinflusst. 1. Schutz-CenterSchutz-Center werden aufgebaut, um die eigenen Alleinstellungsmerkmale und Kernkompetenzen im Leistungsangebot und in der Wertschöpfungskette zu schützen und Freiräume für das Unternehmen zu schaffen. Sind die geschützten Zonen attraktiv genug, ergeben sich oft auch Möglichkeiten, diese zu vermarkten. Meist ist eine spezielle, technisch-juristisch orientierte Patentabteilung mit diesen Aufgaben betraut. Sie sollte eng mit der Produktentwicklung zusammenarbeiten und systematisch in den gesamten Innovationsprozess eingebunden werden, um Schutzwürdiges rechtzeitig zu identifizieren, Schutzrechte anzumelden und diese glaubwürdig zu verteidigen. Durch kontinuierliche Patenrecherche sollte sichergestellt werden, dass Schutzrechte von Wettbewerbern nicht verletzt und die neuesten technischen Entwicklungen berücksichtigt werden. Typisches Unternehmensprofil: Umsatz-/Renditesituation | Gut / absehbar gut | Markt-/Technologieposition | Dominierend | Finanzierung | Unabhängig vom Kapitalmarkt | Länge Innovationszyklus | Mittel (3-6 Jahre) | Übereinstimmung der Dauer von Innovationszyklus und Schutzaufbau | Gut | Alternativen zu Patentschutz | Keine / kaum | Risiko der Patentverletzung | Gering | Typische Industrien | Elektrotechnik, Maschinenbau, Automobil |
2. Cost CenterAnmeldung und Pflege von Patenten können schnell sehr teuer werden, insbesondere bei europäischen oder weltweiten Patenten. Cost Center sollen daher vor allem das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Patent-Portfolios optimieren. Der Nutzen jeder Neuanmeldung und jedes Einzelpatents im Portfolio wird dabei umfassend nach wirtschaftlichen und funktionalen Kriterien analysiert. So können spezifische Nutzen in der Motivation von kreativen Mitarbeitern, der Vorbereitung eines Markteinstiegs oder der Blockade von Wettbewerbern liegen – Patente, die den festgelegten Mindestkriterien nicht genügen, werden nicht weiter aufrechterhalten oder gar nicht erst angemeldet. Ein funktions- und abteilungsübergreifendes IP-Komitee kann die jeweiligen Patententscheidungen koordinieren und dafür sorgen, dass die Patentstrategie optimal mit der Innovationsstrategie des Unternehmens verzahnt ist. Eine technisch-juristisch orientierte Patentabteilung sollte wiederum die Umsetzung übernehmen. Typisches Unternehmensprofil: Umsatz-/Renditesituation | Weniger gut in einigen Bereichen | Markt-/Technologieposition | Befriedigend | Finanzierung | Kapitalmarkt, Fremdkapital | Länge Innovationszyklus | Sehr kurz / sehr lang | Übereinstimmung der Dauer von Innovationszyklus und Schutzaufbau | Nur teilweise | Alternativen zu Patentschutz | Ja (z.B. Geheimhaltung) | Risiko der Patentverletzung | Hoch | Typische Industrien | Sehr kurze Zyklen: Elektronik, Halbleiter Sehr lange Zyklen: Luft- und Raumfahrt, Verkehrstechnik |
3. Profit CenterZiel dieser Strategie ist es, mit Patenten eigenständige Einnahmen zu erzielen. Die Vermarktung von IP wird damit – neben Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens – zu einer zweiten Wertschöpfungskette mit eigenem Ergebnisbeitrag aufgebaut. Hierzu dienen spezielle Vermarktungsstrategien, wie zum Beispiel Lizenzprogramme, Kreuzlizenzen mit anderen Firmen oder der Verkauf von Technologiepatenten, aber auch die gezielte Entwicklung von Schutzrechten für die Verwertung durch Dritte. Die aktive Verwertung von IP kann die Wahrnehmung des Unternehmens im Markt und die Marktstrukturen erheblich beeinflussen. Sie ist daher sorgfältig mit der Unternehmensstrategie abzustimmen. Zu den kritischen Fragen gehört dabei, ob Patente aus dem Bereich der eigenen Kernkompetenzen verwertet und direkte Konkurrenten bedient werden sollen. Weiterhin ist zu bedenken, dass Patente unter bestimmten Voraussetzungen bilanziert werden müssen bzw. dürfen (siehe IAS 38; IAS 38.63; IAS 38.37, Anm. d. Verf.) und den Unternehmenswert erheblich beeinflussen können. Die betreffenden Unternehmen sind meist Technologieführer in ihren Märkten, wie Elektrotechnik, IT, Unterhaltungselektronik oder Biotechnik, und verfügen über ein gut abgesichertes, für Dritte sehr attraktives und differenziertes Patentportfolio. Die Patentabteilung zeichnet sich – den neuen Aufgaben entsprechend – durch hohe Kompetenz im Verwertungsmarketing aus und arbeitet nach neuen Zielgrößen, die sich zum Beispiel an der Höhe der Einnahmen durch Patente orientieren. 4. Asset CenterDie Wertschöpfung aus Produkten und Dienstleistungen einerseits und Schutzrechten andererseits wird vom Asset Center zu neuen, einheitlichen Geschäftsmodellen integriert. Dabei müssen beide Wertschöpfungsketten koordiniert und Geschäftsmodelle entwickelt werden, welche den Nutzen der eingebrachten Schutzrechte maximieren. Unternehmen können zum Beispiel neue Technologien für sich schützen lassen, zu Standards weiterentwickeln und an andere Marktteilnehmer lizenzieren. Zugleich können sie eigene Produkte, die auf diesen Technologien basieren, an Endverbraucher (Beispiel: Mobilkommunikation, Unterhaltungselektronik) oder OEM-Kunden (Beispiel: Biotechnik, Chip-Industrie) vermarkten. Solche Geschäftsmodelle können aufgrund der realisierbaren Skaleneffekte extrem profitabel sein. Asset Center verfolgen wichtige strategische Ziele: Patent- und Produktentwicklung sollen eng aufeinander abgestimmt und Schlüsselpatente möglichst frühzeitig angemeldet werden, um den Markt zu blockieren. Aus den eigenen Patenten sollen nach Möglichkeit Branchenstandards entwickelt werden, was durch eine starke Markt- und Technologieposition des Unternehmens erleichtert wird. IP-Management und strategisches Marketing sind deshalb eng zu verzahnen. Fazit: Innovative Unternehmen nutzen Patente immer aktiver zur Stärkung ihrer Marktposition und zur Ausweitung ihrer Wertschöpfung. Die dabei eingesetzten IP-Strategien sind allerdings komplex und erfordern ein sehr intensives und professionelles Management. Unternehmen sollten sich rechtzeitig auf diese Entwicklung einstellen, da die Bedeutung von Patenten im Rahmen von Innovations- und Unternehmensstrategien zweifellos noch weiter zunehmen wird. |