|
David A. Garvin
Harvard Business Manager, November 2004, 27-32.
Die
Überschrift dieses Artikels ist viel versprechend, macht neugierig und
lädt zum Weiterlesen ein. Es geht um den Aufbau neuer Geschäftsfelder,
um die dabei gesammelten Erfahrungen und um Erfolgsfaktoren. Der Autor
ist Professor für Business Administration an der Harvard Business
School und leitet aus der umfangreichen wissenschaftlichen Literatur
zum Thema zehn kurze und prägnante Regeln für neue Geschäftsfelder ab.
Kerngedanke:
Neben wirtschaftlichen sind es oft auch kulturelle Faktoren, die über den Erfolg neuer Geschäftsfelder entscheiden.
1.
Neue Geschäftsfelder sind unverzichtbar für langfristiges
Unternehmenswachstum – spätestens, wenn die vorhandenen Märkte
gesättigt, Wettbewerbsvorsprünge verschwunden oder Produkte und
Dienstleistungen überholt sind.
2. Neue
Geschäftsfelder sind in der Mehrzahl leider wenig erfolgreich, ganz
gleich, ob sie von kleinen, mittleren oder grossen Unternehmen
eingeführt wurden. Die Überlebensrate über 6 Jahre lag Untersuchungen
zufolge im Durchschnitt nur bei etwa 40-60%.
3.
Neue Geschäftsfelder gedeihen am besten in einer offenen Umgebung, die
Risiken akzeptiert, nachvollziehbare Fehler toleriert und
Unternehmergeist belohnt. Ausserdem brauchen sie nachhaltige
Unterstützung durch Manager, die sich möglichst gut mit dem neuen
Geschäft auskennen und nah am Markt arbeiten.
4.
Das Interesse an neuen Geschäftsfeldern kann im Unternehmen stark
schwanken; Enthusiasmus kann schnell von Kritik und Ablehnung abgelöst
werden. Ursache für Ablehnung kann z.B. eine gewisse Eigenständigkeit
und Verselbständigung des neuen Geschäfts gegenüber dem Stammgeschäft
sein. Viele interne und externe Projekte werden deshalb nicht älter als
4-5 Jahre.
5. Die zahlreichen Risiken beim
Aufbau neuer Geschäftsfelder können nie ganz ausgeschlossen werden,
auch nicht durch noch so intensive Planung und Studien. Am besten
begegnet man ihnen durch planvolles Experimentieren in der Praxis.
Darunter ist das gezielte Testen des neuen Angebots (Produkt, Service,
Geschäftsmodell) im Markt zu verstehen, ehe es breit eingeführt wird.
Man bewertet dabei die Reaktion auf Prototypen des neuen Angebots und
entwickelt diese stetig weiter, bis sie schließlich von den meisten
Nutzern akzeptiert werden. In der Erprobungsphase sind folgende Regeln
zu beachten:
- Es
darf immer nur ein Erfolgsfaktor verändert werden (z.B. der Preis), da
sonst keine Rückschlüsse auf mögliche Ursachen für Erfolg oder
Misserfolg möglich sind.
- Die allgemeinen Rahmenbedingungen des Tests müssen möglichst gleich bleiben (z.B. Kaufkraft der getesteten Nutzer).
- Erfolgskriterien
müssen eindeutig definiert sein und es muss sichergestellt sein, dass
die Rückmeldungen vom Markt schnell erfolgen.
6.
Die Entwicklung eines neuen Geschäftsfeldes folgt einem dreistufigen
Prozess. An die bereits erwähnte Erprobungsphase schliessen sich die
Wachstums- und Integrations-phase an, in denen das neue Geschäft
ausgebaut, in das bestehende Geschäft integriert und für nachhaltigen
Umsatz und Ertrag ausgerichtet werden muss. Alle Phasen stellen
unterschiedliche Anforderungen an das Management, und auch die
Erfolgsindikatoren verändern sich. Steht am Anfang z.B. noch die
Akzeptanz der neuen Geschäftsidee durch Schlüsselkunden im Vordergrund,
so spielen in der Wachstumsphase eher Umsatzwachstum und Marktanteil
eine Rolle, um schliesslich in der Integrationsphase von den
klassischen Finanzkennzahlen abgelöst zu werden.
7.
Neue Geschäftsfelder brauchen viel Zeit, bis sie ertragreich laufen.
Der gesamte Geschäftsentwicklungsprozess nimmt in der Regel mehrere
Jahre in Anspruch; allein die Erprobungsphase kann bei grösseren
Projekten einige Jahre dauern. Im Gegensatz dazu wird häufig die
Erwartung angetroffen, dass neue Geschäfte schon nach 2 Jahren
positiven Cashflow erzeugen sollten – Studien zufolge ein Ziel, das
bisher fast nie erreicht wurde.
8. Zur
erfolgreichen Positionierung eines neuen Geschäftsfeldes im Unternehmen
muss die richtige Balance aus Identität und Integration gefunden
werden. Zu viel eigene Identität – sprich Unabhängigkeit - kann zur
Abkapselung und Ablehnung im Unternehmen führen; zu viel Integration
kann dem neuen Geschäft die Möglichkeit nehmen, sich im Unternehmen zu
etablieren. Ohnehin wird dies durch die Prognoseunsicherheit erschwert,
die bei neuen Geschäftsfeldern naturgemäss wesentlich höher ist als bei
etablierten Geschäften.
9. Neue
Geschäftsfelder entwickeln sich umso erfolgreicher, je näher sie an
bereits vertrauten Produkten oder Märkten liegen. Darüber hinaus sollte
jedes neue Geschäft ein Kundenbedürfnis erfüllen - an sich eine
Selbstverständlichkeit, die allerdings aus Begeisterung für neue
Technologien oder neue Produkte oft übersehen wird. In der Folge kann
sich die Geschäftsentwicklung über Jahre verzögern oder überhaupt nicht
anspringen. Selten gelingt es, mit einem bereits fertigen Produkt
nachträglich einen dafür "passenden" Markt zu suchen.
10.
Wie bereits unter 3. erwähnt, brauchen neue Geschäftsfelder eine
gedeihliche Umgebung, um sich optimal zu entwickeln. Hierzu gehört auch
Offenheit für die dem neuen Geschäft eigenen Gesetzmässigkeiten, wie
z.B. Kundenverhalten, Werbung oder erzielbare Margen. Beurteilt das
Management jedoch alle Geschäftsfelder nach den gleichen Kriterien, so
werden unter Umständen wichtige Erfolgsfaktoren des neuen Geschäfts
übersehen oder blockiert und seine Entwicklung verhindert.
Fazit:
Die
Entwicklung neuer Geschäftsfelder stellt eine grosse unternehmerische
Herausforderung dar. Markt- und Kundennähe, experimentelles Herangehen
an den Markt und angepasste Einstellungen und Erwartungen im
Unternehmen sind Voraussetzungen, um dieser Herausforderung wirksam zu
begegnen. |