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James P. Andrew, Harold L. Sirkin
Harvard Business Manager, September 2004, 66-75.
Innovation
steht bei den meisten Unternehmen im Mittelpunkt ihrer
Wachstumsstrategie. Doch längst nicht alle Unternehmen vermarkten ihre
Innovationen erfolgreich - sei es, weil die Kundenbedürfnisse verfehlt
werden, die Markteinführung misslingt oder vorhandene Produkte
kannibalisiert werden. Wie lassen sich diese Probleme vermeiden, wie
verdienen erfolgreiche Unternehmen mit Innovationen wirklich Geld?
Diesen Fragen gehen James Andrew und Harold Sirkin, Senior Vice
Presidents der renommierten Boston Consulting Group, in ihrem Artikel
nach.
Sie stützen sich dabei auf ihre langjährigen Erfahrungen mit
Innovationsprogrammen und Vermarktungsmethoden sowie auf die Ergebnisse
einer zweijährigen Studie an über 200 grossen Unternehmen (vor allem
"Fortune"-Global-1000-Unternehmen).
Kerngedanke:
Ein Unternehmen muss den für seine spezifischen Voraussetzungen
richtigen Inno-vationsansatz wählen. Dabei wird zwischen drei Ansätzen
unterschieden:
Integrator
Das
Unternehmen bearbeitet die gesamte Wertschöpfungskette seiner
Innovationen selbst. Entsprechend hoch sind Investitionsbedarf und
Risiko sowie die Anforderungen an Kompetenzen in der Technologie- und
Produktentwicklung, Produktion und Vermarktung. Funktionsübergreifende
Prozesse im Unternehmen müssen sehr sicher beherrscht werden.
Der
Integrator-Ansatz ist am besten geeignet, wenn der Markt relativ
stabil, der Zeitpunkt der Markteinführung unkritisch und die Innovation
eher inkrementell und im Idealfall durch Patentschutz abgedeckt ist.
Orchestrator
Das
Unternehmen macht – im Gegensatz zum Integrator – nicht alles selbst,
sondern konzentriert sich auf einige (wenige) Wertschöpfungsschritte,
z.B. auf Forschung und Entwicklung. Alle anderen Schritte managt es mit
Hilfe von Partnern. Diese Strategie hält Investitionsbedarf und Risiko
relativ gering. Sie stellt aber hohe Anforderungen an die Fähigkeit,
sich wirklich nur auf Kernkompetenzen konzentrieren zu können, komplexe
Projekte – über Firmengrenzen hinweg! – zu managen sowie flexibel und
erfolgreich mit verschiedenen externen Partnern zusammenzuarbeiten.
Der
Orchestrator-Ansatz ist dann richtig, wenn geeignete ausgereifte
Partner zur Verfügung stehen, die Technologie sich noch in einem frühen
Stadium befindet und es auf eine schnelle Markteinführung ankommt (z.B.
aufgrund starken Wettbewerbs oder der Gefahr durch
Substitutionsprodukte). Die Innovation ist oft bahnbrechend, gehört
aber nicht zur eigentlichen Kernkompetenz des Unternehmens.
Lizenzgeber
Das
Unternehmen konzentriert sich völlig auf Forschung (und Entwicklung)
und vergibt Lizenzen für Produktion und Vermarktung an andere
Unternehmen. Entsprechend niedrig sind Investitionsbedarf und Risiko.
Hohe Anforderungen werden dagegen an die Technologiekompetenz und an
die Fähigkeit zum Management geistigen Eigentums (IP) gestellt, wie
z.B. Vertragsgestaltung und Beeinflussung von Standards.
Der
Lizenzgeber-Ansatz ist für solche Unternehmen geeignet, die neu im
Markt sind, ihr IP gut schützen können und noch nicht über die
erforderliche Infrastruktur verfügen, um Innovationen selbständig zu
vermarkten.
Wie wird der richtige Innovationsansatz ausgewählt?
Die
Autoren empfehlen, zunächst Branche, Art der Innovation und Risiken der
Geschäftschance gründlich zu analysieren und erst dann eine
Entscheidung zu fällen. Zu den Schlüsselkriterien zählen dabei unter
anderem:
- Die erforderliche eigene Infrastruktur
- Die Wettbewerbssituation
- Die Verfügbarkeit von geeigneten Partnern
- Die Bedeutung der eigenen Marke
- Der Produktlebenszyklus der Innovation
- Die Anforderungen an Komplementärprodukte
und an die Infrastruktur des Marktes
- Die Alleinstellungsmerkmale der Innovation
- Die Attraktivität der Innovation für den Markt
- Die Gefahr durch Substitution
- Der Investitionsbedarf für die Vermarktung
Die
Erfahrung zeigt, dass bei dieser Analyse, so rational sie auch
erscheinen mag, zahlreiche Fallstricke lauern. Dies kann z.B. der
Wunsch im Unternehmen sein, alles selbst machen zu wollen ("Not
Invented Here-Syndrom") und das damit verbundene Problem, nicht
loslassen zu können. Besonders junge Unternehmen möchten oft möglichst
schnell eine eigene Marke aufbauen – mit dem fatalen Risiko, sich als
Integrator zu übernehmen, wenn eigentlich der Orchestrator - oder
Lizenzgeber-Ansatz am profitabelsten gewesen wäre. Hier gilt es sehr
sorgfältig zwischen den verschiedenen Zielen, Fähigkeiten und
Möglichkeiten des Unternehmens abzuwägen.
Fazit:
Unternehmen
sollten sich nicht aus reiner Gewohnheit oder nur aufgrund von
Emotionen und Wünschen an einen bestimmten Innovationsansatz binden,
sondern sorgfältig analysieren und den jeweils besten Ansatz
strategisch auswählen. Hierbei sollten sie sich ausschliesslich davon
leiten lassen, welcher Innovationsansatz am besten zu den Kompetenzen
des Unternehmens passt – und ob die Fähigkeiten des Unternehmens mit
den Erfordernissen dieses Ansatzes übereinstimmen. Nur so können
Innovationen maximal profitabel vermarktet werden. |