Startseite arrow News arrow Der Faktor Marktpositionierung im Basel II Rating
 
Der Faktor Marktpositionierung im Basel II Rating PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Ralf Pulz   
Montag, 20.06.2005
Die neuen Kreditregeln für Kreditinstitute und den Mittelstand (bekannt als "Basel II") werden voraussichtlich ab Ende 2007 in den EU Mitgliedsländern gemeinsam umgesetzt. Die neuen Eigenkapitalanforderungen an die Kreditinstitute sollen bereits Ende 2006 in Kraft treten. Schon heute wenden Banken und Firmen gemeinsam das neue Verfahren zur Kreditvergabe an, dessen Kern das so genannte Rating ist.
Unter Rating versteht man einen weitgehend standardisierten Prozess zur Prüfung der Kredit-würdigkeit eines Unternehmens. Man unterscheidet interne Ratings, welche von Kreditinstituten in Eigenregie durchgeführt werden, von externen Ratings, welche von spezialisierten Gesellschaften (z.B. Wirtschaftsprüfer) vorgenommen werden. Ausser zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit kann man (positive) Ratings als sehr effektives Marketinginstrument einsetzen.

Das Ratingergebnis wird in einer Note zusammengefasst (z.B. AAA, AA+) und ist primär ein Indikator für die Ausfallwahrscheinlichkeit bzw. Wahrscheinlichkeit des Überlebens eines Unter-nehmens nach einem Jahr (Probability of Default). Hieraus leitet sich die aktuelle Kreditwürdigkeit – die Bonität – des Unternehmens ab und entscheidet über dessen Kreditkonditionen: je besser das Rating, desto niedriger der Kreditzins. Umgekehrt bedeutet ein schlechtes Kreditrating höhere Kreditkosten und kann sogar zur Verweigerung des Kredits führen.

Aufgrund des begrenzten Aussagehorizontes von einem Jahr werden Ratings in der Regel jährlich wiederholt, so dass regelmässig Chancen zur Verbesserung von Rating und Konditionen bestehen.


Die Ratingkriterien

Wie bisher auch, werden quantitative und qualitative Kriterien zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens herangezogen. Die Tabelle zeigt hierfür einige Beispiele:

Quantitative ("harte") Kriterien
Qualitative ("weiche") Kriterien
  • Ertragslage
    (u.a. Ertragskraft, Cash-Flow)
  • Vermögenslage
  • Finanzlage
  • Sicherheiten
  • Zukünftige Unternehmensentwicklung
  • Beziehungen zwischen Unternehmen
    und Kreditinstitut
  • Management
    (u.a. Führungskompetenz, Qualifikation)
  • Personal und Personalpolitik
  • Nachwuchsförderung
  • Unternehmensnachfolge
  • Rechnungswesen und Controlling
  • Markt- und Branchensituation
    (u.a. Branchenrisiko, Wettbewerb)
  • Kundenstamm
  • Vertriebsstrategie
  • Kunden- und Lieferantenabhängigkeit
  • Produkt- und Sortimentspolitik

Die Vertiefung der einzelnen Kriterien im Ratingprozess und ihre Bedeutung für das Ratingurteil hängen von der individuellen Ausgangssituation des Unternehmens ab. Allgemein kann gesagt werden, dass der Ratingprozess – trotz weitgehender Standardisierung – immer auf die Partner-schaft zwischen Kreditinstitut und Unternehmen zugeschnitten sein wird. Entsprechend individuell werden die Fragen gestaltet sein.


Der Faktor Marktpositionierung

Ziel dieses Teils der Bewertung ist es, herauszufinden, wie gut das Unternehmen für den zukünftigen Markterfolg gerüstet ist. Hierzu werden die Themenbereiche Markt, Branche, Kunde, Lieferanten, Vertriebspolitik sowie Produkt- und Sortimentspolitik analysiert und beurteilt. Da die meisten dieser Faktoren im Entscheidungs- und Verantwortungsbereich des Unternehmens selbst liegen, kommt ihnen eine hohe Bedeutung zu. Im folgenden werden sie kurz skizziert.

Markt und Branche

Ziel der Analyse:

Geschäftsfeld und Positionierung des Unternehmens im Markt sollen deutlich werden. Hierzu gehören klar definierte Kundenzielgruppen und eine klare Differenzierung vom Wettbewerb. Das Unternehmensrating kann darüber hinaus von Branchenratings sowie von Vergleichen mit dem Wettbewerb ( Benchmarking ) beeinflusst werden.

Beispielfragen:

  • Wie ist Ihr Unternehmen im Markt positioniert?
  • Welches ist (sind) Ihre Kundenzielgruppe(n)?
  • Welches sind Ihre wichtigsten Wettbewerber, wie ist deren Marktstellung, wie grenzen Sie sich von diesen ab?
  • Wie könnten Sie Ihre Marktposition weiter verbessern?
  • Wie entwickeln sich Ihr Markt/Ihre Branche aktuell/in der Zukunft?
  • Wie konjunkturabhängig sind Ihr Markt/Ihre Branche?

Kunde und Lieferanten

Ziel der Analyse:

Im Vordergrund stehen die Kunden- und Lieferantenstruktur sowie die Art und Weise, wie mit Kunden und Lieferanten zusammengearbeitet wird. Positiv können z.B. eine breite Kunden-streuung, also geringe Abhängigkeit von Einzelkunden, längerfristige Liefer- und Absatzverträge sowie ein ausgeglichenes Mix zwischen privaten und öffentlichen Kunden bewertet werden.

Beispielfragen:

  • Wie viele Kunden haben Sie, und wie setzt sich Ihr Kundenstamm zusammen?
  • Wie gross ist der Umsatzanteil Ihrer wichtigsten Kunden (ABC-Analyse)?
  • Bestehen längerfristige Lieferverträge?
  • Welche Risiken bestehen bei Ihren Kunden (Exportrisiko, Forderungsausfälle u.s.w.)?
  • Wie arbeiten Sie aktiv mit Ihren Kunden zusammen?
  • Wie wählen Sie Ihre Lieferanten aus, wie arbeiten Sie aktiv mit ihnen zusammen?

Vertriebspolitik

Ziel der Analyse:

Es soll deutlich werden, dass das Unternehmen über eine effektive Vertriebs- und Marketing-strategie verfügt. Hierzu gehören unter anderem die Aufbau- und Ablauforganisation in Vertrieb und Marketing, Qualifikation und Anzahl der dort arbeitenden Personen sowie das Marketing-Mix für die jeweilige(n) Zielgruppe(n).

Beispielfragen:

  • Wie ist Ihr Vertrieb strukturiert, wie viele Personen arbeiten dort?
  • Wie gestaltet sich der Vertriebsprozess?
  • Wie stellt Ihr Unternehmen Kundenberatung und technischen Service sicher?
  • Wie geht Ihr Unternehmen auf Reklamationen und spezifische Kundenwünsche ein?
  • Wie bearbeiten Sie die Kundenzielgruppen Ihres Unternehmens?
  • Wie pflegen Sie Ihre Bestandskunden, wie akquirieren Sie Neukunden?

Produkt- und Sortimentspolitik

Ziel der Analyse:

Das Unternehmen soll eine nachhaltig wettbewerbsfähige Produkt- und Sortimentspolitik nachweisen. Hierzu gehören das bestehende Sortiment sowie die laufenden und geplanten Neu- und Weiterentwicklungen vor dem Hintergrund des Produktlebenszyklus. Zum Nachweis der Wettbewerbsfähigkeit können darüber hinaus ein leistungsfähiges Qualitäts- oder Umwelt-managementsystem mit den erforderlichen Zertifizierungen gehören (z.B. ISO 9001, ISO 14001).

Beispielfragen:

  • Welche Produkte/Dienstleistungen werden angeboten?
  • Welches sind die Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Wettbewerb?
  • In welcher Phase des Lebenszyklus befinden sich die Produkte/Dienstleistungen?
  • Wie gross ist das Marktvolumen/Marktpotenzial?
  • Welche Planungen für die Weiterentwicklung des Sortiments gibt es (Road Map)?
  • Werden die Produktentwicklungen nach einem klar definierten Innovationsprozess durchgeführt?
  • Gibt es ein zertifiziertes Qualitätsmanagementsystem?

Fazit

Die Beantwortung der hier skizzierten Fragen bedeutet zunächst einmal Arbeitsaufwand. Es wäre aber sicher falsch, diesen nur für das Ratinggespräch zu treiben – die angesprochenen Marktfaktoren sollten vielmehr Teil jeder guten Unternehmensstrategie und daher ohnehin schon im Unternehmen verankert sein. In jedem Fall lohnt sich eine gute Vorbereitung mehrfach: man erhält eine aktuelle Stärken-/Schwächenanalyse des Unternehmens, kann diese mit konkreten Zielen und Massnahmen unterlegen und die Chancen auf ein gutes Kreditrating verbessern. Letztlich erspart man dem Unternehmen damit erhebliche Kosten.

Weitere Informationen unter:
www.ihk.de
www.hk24.de.