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Die Welt als Entwicklungsabteilung    
Geschrieben von Ralf Pulz   
Sonntag, 03.04.2005

Tobias Hürter und Albert Exergian
Technology Review April 2005: 92-97.

Innovationen werden immer entscheidender für den nachhaltigen Markterfolg eines Unternehmens. Effektives Innovationsmanagement gehört deshalb seit langem zu den herausragenden Managementthemen. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen oft Aspekte wie die Verkürzung von Innovationszyklen oder die systematische Orientierung von Innovationen an Marktgegebenheiten und Kundenbedürfnissen. Der aktuelle Artikel beleuchtet einen der Kernpunkte des Innovationsprozesses: wie kann das jeweils beste verfügbare Wissen aktiviert beziehungsweise zugänglich gemacht werden? Eine besondere Rolle spielt dabei das Konzept der "Offenen Innovation" (open innovation).

Offene Innovation

In den allermeisten Branchen reicht es heute nicht mehr aus, sich ausschliesslich auf die Innovationskraft der eigenen Forschung und Entwicklung im Unternehmen zu verlassen. Vielmehr muss neben dem gesamten internen Wissen auch externes Wissen, zum Beispiel von Kunden, Forschungseinrichtungen oder sogar Konkurrenten, in den Innovationsprozess einbezogen werden. Bei vielen Unternehmen ist das längst Routine - das Neue der "Offenen Innovation" ist aber, die flexible Arbeitsteilung über Unternehmensgrenzen hinweg als Kernelement der eigenen Aktivitäten und nicht nur als fallweise Ergänzung zu begreifen. Dabei entstehen neue Chancen, aber auch Risiken.

  • Chancen
    Unternehmen profitieren von der Risikoteilung, können Kosten und Zeit sparen und letztlich eher neuen Umsatz erzielen. Zudem wirken sie dem potenziellen Verlust kritischen Know-hows entgegen, der infolge erhöhter Mobilität der Mitarbeiter entstehen kann. In allen Bereichen, in denen es auf Systemkompatibilität ankommt, ist der offene Wissensaustausch unverzichtbar und sichert die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.
  • Risiken
    Es besteht die Gefahr, zu sehr von externem Wissen abhängig zu werden - Beispiele hierfür werden momentan in der deutschen Automobilindustrie diskutiert. Dem kann nur durch effektives Management der Schnittstellen entgegengewirkt werden. Ebenso muss der unerwünschte Abfluss eigenen Know-hows nach extern, insbesondere zum Wettbewerb, verhindert werden, ohne sich andererseits zu stark abzuschotten. Als Lösung dieses Problems empfiehlt sich interdisziplinäre Zusammenarbeit, also über Branchengrenzen hinweg. Insbesondere Durchbruchsinnovationen (disruptive innovations) wurden mehrfach durch Ideentransfer aus einer anderen Branche erzeugt.

Formen offener Innovation

  • Wissensbörse Internet
    Grosse Unternehmen wie Procter & Gamble sind dazu übergegangen, externes Wissen über spezielle Internetplattformen weltweit aufzuspüren und einzubinden. Forschungsthemen werden auf Plattformen wie NineSigma.com, InnoCentive.com oder YourEncore.com offen angeboten und an den jeweils optimalen Partner vergeben. Damit entwickelt sich ein Netzwerk, bestehend aus Ideenlieferanten, Ideenabnehmern, Ideenverarbeitern und Ideenhändlern – ähnlich wie in der industriellen Herstellung. Die zukünftige Herausforderung für Unternehmen wird darin bestehen, die eigene Rolle im Netzwerk zu definieren und Kompetenz zu erlangen, das gesamte Netzwerk zu managen (Netzwerkkompetenz).
  • Lernen von Start-ups
    Start-ups betreiben in der Regel kein systematisches Innovationsmanagement, sind aber dennoch oft sehr erfolgreich mit ihrer Geschäftsidee. Gründe hierfür sind unter anderem Risikofreude und Engagement der Firmengründer, die genaue Kenntnis der Bedarfslage beim Kunden und die Tatsache, dass Innovationsprojekte oft nur mit einer einzigen, hoch motivierten Person verbunden sind. Man versucht deshalb auch in Grosskonzernen wie Intel, Siemens oder BASF, durch Schaffung spezieller Innovationsteams (New Venture Teams) Start-up ähnliche Bedingungen zu schaffen. Die Teams erhalten eine ähnliche Autonomie wie selbständige Start-ups und können ausgegliedert (Spin-off), bei Geschäftserfolg aber auch wieder ins Unternehmen integriert werden (Spin-in).
  • Gesteuerter Innovationswettlauf
    Legendär ist die Strategie von Intel, Sony und anderen Grosskonzernen, mehrere Entwicklungsteams parallel an Alternativlösungen arbeiten zu lassen, wenn noch unklar ist, wie sich der Markt letztlich entwickeln wird. Ähnliche Strategien werden auch eingesetzt, um im "sportlichen Wettkampf" mehrerer Teams das Entwicklungsergebnis zu optimieren. Wichtig ist in jedem Fall ein effektives Projektcontrolling, das die jeweils verfolgten Ideen freigibt, Projekte überwacht und gegebenenfalls abbricht.
  • Kundenorientierung
    Manche Firmen bringen ihre Entwicklungsmitarbeiter regelmässig mit Kunden zusammen oder lassen sie sogar eine Zeitlang im Vertrieb arbeiten. Entwickler haben so die Möglichkeit, Bedürfnisse und Ideen ihrer Kunden aus erster Hand zu erfahren und bekommen im Idealfall die Initialzündung für eine neue Entwicklungsidee. Darüber hinaus ist es im B2B-Bereich seit langem Standard, Kunden in Entwicklungsprojekte konkret einzubeziehen, so zum Beispiel bei Conjoint–Analysen, bei der Definition kundenspezifischer Produkte, wie ASICs, bei Feldtests mit Prototypen und vielem anderen mehr. Wichtig ist dabei, sich nicht ausschliesslich auf die aktuelle Kundenmeinung zu verlassen, sondern den Blick weit offen zu halten für aktuelle Trends und Entwicklungen im eigenen Markt, aber auch in angrenzenden Märkten. Dort könnten sich bereits Entwicklungen abzeichnen, welche die eigenen – wenn auch verbesserten - Produkte substituieren.
  • Lead User Konzept
    Das Lead User- Konzept, von MIT-Professor Eric von Hippel Mitte der 80er Jahre entwickelt, geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier geht es darum, nur die fortschrittlichsten Kunden einzubinden und mit deren Know-how frühzeitig neuen Bedarf zu erkennen und die Projekte von morgen zu definieren. Dies bedeutet auch, dass Lead User aktiv in den Entwicklungsprozess einbezogen werden, also bereits vor Fertigstellung des ersten Prototypen mitwirken. Der Kunde wird damit sozusagen als kreativer Visionär tätig. Das Unternehmen muss sich darüber im Klaren sein, dass er hierfür eine Gegenleistung verlangt und diese Schnittstelle entsprechend managen.

Fazit:
Verschiedene Strategien stehen zur Verfügung, um Innovationsprojekte zu öffnen und das bestmögliche Wissen einzubinden. Das Schaffen neuer Märkte mit vielleicht radikal neuen Technologien bleibt nach wie vor eine Herausforderung. Für diese spezielle Aufgabe kann es notwenig und vorteilhaft sein, bewusst nur mit ausgewählten Kunden zu arbeiten – oder vielleicht sogar ganz ohne Kundenkontakt.

Weitere Informationen zum Lead User-Konzept: