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Tobias Hürter und Albert Exergian
Technology Review April 2005: 92-97.
Innovationen
werden immer entscheidender für den nachhaltigen Markterfolg eines
Unternehmens. Effektives Innovationsmanagement gehört deshalb seit
langem zu den herausragenden Managementthemen. Im Mittelpunkt der
Diskussion stehen oft Aspekte wie die Verkürzung von Innovationszyklen
oder die systematische Orientierung von Innovationen an
Marktgegebenheiten und Kundenbedürfnissen. Der aktuelle Artikel
beleuchtet einen der Kernpunkte des Innovationsprozesses: wie kann das
jeweils beste verfügbare Wissen aktiviert beziehungsweise zugänglich
gemacht werden? Eine besondere Rolle spielt dabei das Konzept der
"Offenen Innovation" (open innovation).
Offene Innovation
In
den allermeisten Branchen reicht es heute nicht mehr aus, sich
ausschliesslich auf die Innovationskraft der eigenen Forschung und
Entwicklung im Unternehmen zu verlassen. Vielmehr muss neben dem
gesamten internen Wissen auch externes Wissen, zum Beispiel von Kunden,
Forschungseinrichtungen oder sogar Konkurrenten, in den
Innovationsprozess einbezogen werden. Bei vielen Unternehmen ist das
längst Routine - das Neue der "Offenen Innovation" ist aber, die
flexible Arbeitsteilung über Unternehmensgrenzen hinweg als Kernelement der eigenen Aktivitäten und nicht nur als fallweise Ergänzung zu begreifen. Dabei entstehen neue Chancen, aber auch Risiken.
- Chancen
Unternehmen
profitieren von der Risikoteilung, können Kosten und Zeit sparen und
letztlich eher neuen Umsatz erzielen. Zudem wirken sie dem potenziellen
Verlust kritischen Know-hows entgegen, der infolge erhöhter Mobilität
der Mitarbeiter entstehen kann. In allen Bereichen, in denen es auf
Systemkompatibilität ankommt, ist der offene Wissensaustausch
unverzichtbar und sichert die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit des
Unternehmens.
- Risiken
Es
besteht die Gefahr, zu sehr von externem Wissen abhängig zu werden -
Beispiele hierfür werden momentan in der deutschen Automobilindustrie
diskutiert. Dem kann nur durch effektives Management der Schnittstellen
entgegengewirkt werden. Ebenso muss der unerwünschte Abfluss eigenen
Know-hows nach extern, insbesondere zum Wettbewerb, verhindert werden,
ohne sich andererseits zu stark abzuschotten. Als Lösung dieses
Problems empfiehlt sich interdisziplinäre Zusammenarbeit, also über
Branchengrenzen hinweg. Insbesondere Durchbruchsinnovationen (disruptive innovations) wurden mehrfach durch Ideentransfer aus einer anderen Branche erzeugt.
Formen offener Innovation
- Wissensbörse Internet
Grosse Unternehmen wie Procter & Gamble sind dazu übergegangen,
externes Wissen über spezielle Internetplattformen weltweit aufzuspüren
und einzubinden. Forschungsthemen werden auf Plattformen wie
NineSigma.com, InnoCentive.com oder YourEncore.com offen angeboten und
an den jeweils optimalen Partner vergeben. Damit entwickelt sich ein
Netzwerk, bestehend aus Ideenlieferanten, Ideenabnehmern,
Ideenverarbeitern und Ideenhändlern – ähnlich wie in der industriellen
Herstellung. Die zukünftige Herausforderung für Unternehmen wird darin
bestehen, die eigene Rolle im Netzwerk zu definieren und Kompetenz zu
erlangen, das gesamte Netzwerk zu managen (Netzwerkkompetenz).
- Lernen von Start-ups
Start-ups betreiben in der Regel kein systematisches
Innovationsmanagement, sind aber dennoch oft sehr erfolgreich mit ihrer
Geschäftsidee. Gründe hierfür sind unter anderem Risikofreude und
Engagement der Firmengründer, die genaue Kenntnis der Bedarfslage beim
Kunden und die Tatsache, dass Innovationsprojekte oft nur mit einer
einzigen, hoch motivierten Person verbunden sind. Man versucht deshalb
auch in Grosskonzernen wie Intel, Siemens oder BASF, durch Schaffung
spezieller Innovationsteams (New Venture Teams)
Start-up ähnliche Bedingungen zu schaffen. Die Teams erhalten eine
ähnliche Autonomie wie selbständige Start-ups und können ausgegliedert (Spin-off), bei Geschäftserfolg aber auch wieder ins Unternehmen integriert werden (Spin-in).
- Gesteuerter Innovationswettlauf
Legendär ist die Strategie von Intel, Sony und anderen Grosskonzernen,
mehrere Entwicklungsteams parallel an Alternativlösungen arbeiten zu
lassen, wenn noch unklar ist, wie sich der Markt letztlich entwickeln
wird. Ähnliche Strategien werden auch eingesetzt, um im "sportlichen
Wettkampf" mehrerer Teams das Entwicklungsergebnis zu optimieren.
Wichtig ist in jedem Fall ein effektives Projektcontrolling, das die
jeweils verfolgten Ideen freigibt, Projekte überwacht und
gegebenenfalls abbricht.
- Kundenorientierung
Manche Firmen bringen ihre Entwicklungsmitarbeiter regelmässig mit
Kunden zusammen oder lassen sie sogar eine Zeitlang im Vertrieb
arbeiten. Entwickler haben so die Möglichkeit, Bedürfnisse und Ideen
ihrer Kunden aus erster Hand zu erfahren und bekommen im Idealfall die
Initialzündung für eine neue Entwicklungsidee. Darüber hinaus ist es im
B2B-Bereich seit langem Standard, Kunden in Entwicklungsprojekte
konkret einzubeziehen, so zum Beispiel bei Conjoint–Analysen, bei der
Definition kundenspezifischer Produkte, wie ASICs, bei Feldtests mit
Prototypen und vielem anderen mehr. Wichtig ist dabei, sich nicht
ausschliesslich auf die aktuelle Kundenmeinung zu verlassen, sondern
den Blick weit offen zu halten für aktuelle Trends und Entwicklungen im
eigenen Markt, aber auch in angrenzenden Märkten. Dort könnten sich
bereits Entwicklungen abzeichnen, welche die eigenen – wenn auch
verbesserten - Produkte substituieren.
- Lead User Konzept
Das Lead User-
Konzept, von MIT-Professor Eric von Hippel Mitte der 80er Jahre
entwickelt, geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier geht es darum,
nur die fortschrittlichsten Kunden einzubinden und mit deren Know-how
frühzeitig neuen Bedarf zu erkennen und die Projekte von morgen zu
definieren. Dies bedeutet auch, dass Lead User aktiv in den
Entwicklungsprozess einbezogen werden, also bereits vor Fertigstellung
des ersten Prototypen mitwirken. Der Kunde wird damit sozusagen als
kreativer Visionär tätig. Das Unternehmen muss sich darüber im Klaren
sein, dass er hierfür eine Gegenleistung verlangt und diese
Schnittstelle entsprechend managen.
Fazit:
Verschiedene
Strategien stehen zur Verfügung, um Innovationsprojekte zu öffnen und
das bestmögliche Wissen einzubinden. Das Schaffen neuer Märkte mit
vielleicht radikal neuen Technologien bleibt nach wie vor eine
Herausforderung. Für diese spezielle Aufgabe kann es notwenig und
vorteilhaft sein, bewusst nur mit ausgewählten Kunden zu arbeiten –
oder vielleicht sogar ganz ohne Kundenkontakt.
Weitere Informationen zum Lead User-Konzept:
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